Bleibt in meiner Liebe

Dienstag der 1. Fastenwoche · 24. Februar 2026
✙ Einleitung

Manchmal, in den stillen Momenten des Lebens, wenn der Lärm des Alltags verstummt, da schleicht sie sich an, die große Frage: Was bin ich eigentlich wert? Die Welt um uns herum gibt darauf täglich eine Antwort, und oft ist sie hart. Sie misst unseren Wert an dem, was wir leisten, an unseren Erfolgen, an unserem Besitz oder daran, wie gut wir funktionieren. Wir werden bewertet, benotet, verglichen und oft genug fühlen wir uns dieser Prüfung nicht gewachsen. Die Maßstäbe sind hoch, die Anforderungen unerbittlich, und so mancher geht daran zugrunde, dem ungeschriebenen Gesetz der Perfektion nicht genügen zu können.

Diese tiefe Sehnsucht, einfach so angenommen zu sein, wie man ist, ohne Maske und ohne Leistungsnachweis, zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Heilige Schrift. Schon am Anfang, im Buch Genesis, lesen wir, dass Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf – als Mann und Frau schuf er sie. Das ist der erste und grundlegende Wert, den wir von Gott zugesprochen bekommen: Wir tragen seinen Abdruck in uns, wir sind sein Ebenbild. Nicht wegen dem, was wir tun, sondern wegen dem, was wir sind: seine Geschöpfe, geliebt von seiner Hand. Doch diese Liebe Gottes ist nicht nur eine schöne Schöpfungsidee, die dann irgendwann in der Geschichte verloren geht. Sie ist ein steter, immerwährender Ruf. Immer wieder suchen die Propheten das Volk, um ihm diese Liebe in Erinnerung zu rufen, wie ein Hirte, der sein verlorenes Schaf nicht vergisst.

Und heute, am Dienstag der ersten Fastenwoche, dürfen wir im Evangelium nach Johannes einen Text hören, der uns den Kern dieser göttlichen Zuneigung offenbart. Hier wird nicht von einem fernen Gott gesprochen, der aus der Höhe richtet, sondern von einer Liebe, die so innig ist, dass sie uns mitten im Herzen trifft. Jesus spricht zu uns nicht wie ein Lehrer zu seinen Schülern, sondern wie ein Freund, der sein Innerstes öffnet. Hören wir, was er uns heute zu sagen hat, und lassen wir uns hineinnehmen in dieses Geheimnis einer Liebe, die keinen Makel fürchtet, sondern uns genau dort abholt, wo wir stehen.

✙ Evangelium nach Johannes 15,9–17
Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibet in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. Dies habe ich zu euch gesagt, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Das ist mein Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt habe! Größere Liebe hat niemand, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibe, damit der Vater euch alles gebe, um was ihr ihn bittet in meinem Namen. Dies gebiete ich euch, dass ihr einander liebet.“

Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.

✙ Auslegung

Liebe Gemeinde, dieser Text, den wir gerade gehört haben, ist wie ein kostbares, in Gold gefasstes Kleinod. Er ist kein moralisches Regelwerk, keine Ansammlung von strengen Vorschriften, die es einzuhalten gilt. Nein, er ist das Herzstück der gesamten Botschaft Jesu. Und das Herzstück ist die Liebe. Aber nicht eine Liebe, die wir uns erst mühsam verdienen müssen. Schauen wir genau hin: Jesus sagt nicht: „Wenn ihr mich genug liebt, dann werde ich euch vielleicht auch lieben.“ Nein, der Anfang ist ein anderer. Der Anfang ist eine Tatsache, ein Geschenk, das uns bereits gemacht wurde: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Das ist die Basis. Das Fundament, auf dem alles Weitere ruht. Bevor wir auch nur einen Finger gerührt haben, bevor wir das erste Gebot halten konnten, sind wir bereits von einer Liebe umfangen, die göttlichen Ursprungs ist. Es ist dieselbe Liebe, die der Vater zum Sohn hat, eine Liebe, die von Ewigkeit zu Ewigkeit währt, vollkommen und ohne jeden Vorbehalt. Und diese Liebe, sagt Jesus, gilt uns. Das ist die große Frohbotschaft für uns heute Morgen: Gottes Liebe zu uns ist kein Lohn für unsere Leistung, sondern der Grund, warum wir überhaupt leben. Sie ist wie die Luft, die wir atmen – sie ist immer da, auch wenn wir nicht daran denken.

Und nun kommt dieses kleine, aber so wichtige Wort: „Bleibet“. Es ist ein Zuspruch und eine Einladung zugleich. Wie ein guter Gastgeber, der sein Haus geöffnet hat und sagt: „Fühlt euch wie zu Hause, bleibt doch!“ Gott hat die Tür seiner Liebe weit aufgestoßen. Nun liegt es an uns, in diesem Raum zu bleiben, uns darin einzurichten. Das Bleiben ist kein passives Ausharren. Es ist ein aktives Vertrauen, ein immer wieder Sich-Hineinbegeben in diese Geborgenheit. Wir dürfen uns in dieser Liebe verwurzeln, wie ein Baum, der seine Wurzeln tief in die Erde senkt, um auch Stürme zu überstehen. Und was sind die Gebote, von denen Jesus spricht? Wenn wir genau hinhören, dann reduzieren sie sich auf eines: „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.“ Das ist nicht die Forderung nach einer perfekten, makellosen Moral. Es ist die Einladung, das, was wir selbst empfangen haben, weiterzugeben. Aus der Fülle der empfangenen Liebe dürfen wir schöpfen und sie an unsere Mitmenschen weiterfließen lassen. Ein dürres Gefäß kann nichts weitergeben, aber ein Gefäß, das ständig aus einer nie versiegenden Quelle gespeist wird, wird überfließen. Wir müssen also nicht erst Liebe produzieren, die wir nicht haben. Wir dürfen einfach das weiterreichen, was wir selbst so reichlich empfangen. Das nimmt unendlichen Druck von uns. Es geht nicht um unsere Perfektion, sondern um unsere Bereitschaft, Kanal dieser Liebe zu sein. Und wie sieht diese Liebe aus? Sie hat ein konkretes Beispiel: „Größere Liebe hat niemand, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Jesus selbst wird dieses Beispiel in wenigen Tagen am Kreuz bis zur letzten Konsequenz leben. Das ist die Tiefe dieser Liebe: Sie ist nicht oberflächlich, nicht nur ein freundliches Wort, sondern sie geht bis zum Äußersten. Aber für uns heute bedeutet das im Alltag: Leben hingeben kann auch heißen, Zeit zu verschenken, Geduld zu haben, zuzuhören, zu verzeihen, den eigenen Stolz hintanzustellen für den anderen. Es sind die tausend kleinen Hingaben, die unser Leben fruchtbar machen.

Und dann, liebe Gemeinde, kommt der vielleicht kühnste Satz des ganzen Evangeliums: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern ich habe euch Freunde genannt.“ Welch eine Würde wird uns da zugesprochen! Ein Knecht gehorcht, weil er muss. Er bekommt Befehle, deren Sinn er oft nicht versteht. Ein Freund aber teilt das Innerste. Einem Freund offenbart man seine Gedanken, seine Pläne, seine Freuden und Sorgen. Indem Jesus uns alles, was er vom Vater gehört hat, kundgetan hat, hat er uns in seine tiefste Vertrautheit hineingenommen. Er behandelt uns nicht wie Untergebene, sondern wie Vertraute. Er hat uns erwählt. Nicht wir haben uns diesen Platz verdient, er hat uns aus freien Stücken dazu bestimmt, seine Freunde zu sein. Das ist die endgültige Antwort auf die Frage nach unserem Wert: Wir sind Freunde Gottes. Nicht wegen unserer Tadellosigkeit, sondern weil er uns zu seinen Freunden gemacht hat. In dieser Freundschaft dürfen wir leben, atmen, lieben und Frucht bringen – Frucht, die bleibt, weil sie aus seiner ewigen Liebe wächst.

✙ Anwendung – für heute

Wenn das alles wahr ist, was wir da gehört haben – und als Christen bekennen wir, dass es das Wort Gottes ist, das wahr und verlässlich ist –, was bedeutet das dann für unseren Alltag? Was bedeutet das für heute, für diesen Dienstag in der Fastenzeit, für dich und für mich?

Zuerst und vor allem bedeutet es eine ungeheure Entlastung. Es bedeutet: Du musst nicht perfekt sein, um zu Gott zu kommen. Du musst nicht erst dein Leben aufgeräumt haben, bevor du dich in seine Gegenwart wagst. Du darfst kommen, genau so, wie du bist. Mit deinen Zweifeln, die dich manchmal plagen und die Frage aufwerfen, ob da wirklich einer ist, der dich hört. Mit deinen Fehlern und Schwächen, über die du dich vielleicht selbst ärgerst und die du am liebsten verstecken möchtest. Mit deinen Ängsten vor der Zukunft, vor Krankheit, vor Einsamkeit oder vor dem Versagen. All das darfst du vor ihn bringen. Er wartet nicht auf den fertigen, makellosen Menschen. Er wartet auf dich. Er ist wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn, der nicht zu Hause sitzen bleibt und schmollt, sondern der jeden Tag auf die Landstraße hinausgeht und Ausschau hält, ob sein Kind nicht endlich nach Hause kommt. Und wenn es dann kommt, zerlumpt und gescheitert, fällt er ihm nicht mit Vorwürfen um den Hals, sondern mit Liebe. Das ist der Gott, den Jesus uns zeigt. Das ist der Freund, der uns erwählt hat.

Für heute bedeutet das: Nimm dir einen Moment Zeit, vielleicht jetzt gleich oder später am Tag, und stell dich einfach in diesen Raum seiner Liebe. Sag ihm: „Herr, hier bin ich. Nicht mit leeren Händen, denn du hast sie mir bereits gefüllt. Ich bringe dir meine Müdigkeit, meine Sorgen, meine Ungeduld. Ich bringe dir meine Fragen und meine Dunkelheit. Und ich will einfach einen Augenblick in deiner Nähe bleiben. Ich will deine Freundschaft spüren, die mir gilt, ohne Wenn und Aber.“

Und aus diesem Bleiben in seiner Liebe, aus dieser Quelle der Geborgenheit, dürfen wir dann hinausgehen zu den Menschen. Zu dem Kollegen, der uns nervt. Zu dem Familienmitglied, mit dem wir im Streit liegen. Zu dem Nachbarn, der Hilfe braucht. Unsere Liebe zu ihnen muss nicht perfekt sein. Sie muss nicht alle Probleme lösen. Sie muss nur ein schwacher Abglanz jener großen Liebe sein, die wir selbst empfangen haben. Vielleicht ein freundliches Wort, wo sonst Schweigen herrscht. Vielleicht ein Lächeln, wo sonst nur Gleichgültigkeit ist. Vielleicht ein kleiner Dienst, der niemandem wehtut, aber dem anderen das Herz erwärmt. So werden wir zu Kanälen seiner Freundschaft. So bringen wir Frucht – Frucht, die bleibt, weil sie nicht aus eigener Kraft gewachsen ist, sondern aus dem Weinstock, der Christus selbst ist. Die Fastenzeit ist die beste Gelegenheit, diese Freundschaft zu vertiefen, sich wieder mehr Zeit für diesen einen Freund zu nehmen, der sein Leben für uns hingegeben hat. Er wartet auf dich. Geh hinein in seine Liebe und bleib dort.

✙ Gebet

Guter Gott, du Vater unseres Herrn Jesus Christus, wir danken dir, dass du uns nicht nach unseren Leistungen beurteilst, sondern uns in deinem Sohn als Freunde angenommen hast. Lehre uns, in dieser Liebe zu bleiben, die uns geschenkt ist, ohne dass wir sie verdienen müssten. Öffne unsere Herzen für deine Gegenwart, damit wir aus dieser Quelle der Geborgenheit leben und deine Liebe weiterverschenken können an die Menschen, die du uns heute an die Seite stellst. Darum bitten wir durch Christus, unseren Bruder und Freund. Amen.

✙ Segen

Es segne euch und behüte euch der Gott der unendlichen Liebe. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und schenke euch Frieden. Er halte seine Hand über euch, damit ihr seine Freunde bleibt und Frucht bringt für das ewige Leben. Das gewähre euch der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.