📖 «Sieh auf, er ruft dich.»

Donnerstag der 8. Woche im Jahreskreis 28. Mai 2026
✙ Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Einleitung

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitchristen,

es gibt Begegnungen im Evangelium, die uns besonders nahegehen – weil sie so menschlich, so unmittelbar, so voller Hoffnung sind. Heute am Donnerstag, mitten in der Woche, hören wir auf die Stimme eines Mannes, den viele übersehen haben: Bartimäus, ein blinder Bettler am Wegesrand. Jesus geht nach Jericho, eine letzte Etappe vor Jerusalem, wo Leid und Kreuz warten. Und doch bleibt er stehen. Für einen einzigen Menschen. Für dich. Für mich.

Lassen wir uns hineinnehmen in diese Szene voller Wärme und Nähe. Gott sucht nicht die Lauten und Mächtigen – er hört den Schrei aus der Tiefe. Und dieser Schrei verändert alles. Wir wollen heute gemeinsam hören, was Bartimäus uns für unseren Alltag, unseren Glauben und unser Beten schenken kann.

📖 Heiliges Evangelium nach Markus

46 Sie kamen nach Jericho. Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß ein blinder Bettler namens Bartimäus (das heißt: Sohn des Timäus) am Weg.

47 Als er hörte, dass es Jesus von Nazaret sei, begann er zu schreien: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“

48 Viele fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“

49 Jesus blieb stehen und sagte: „Ruft ihn her!“ Da riefen sie den Blinden und sagten zu ihm: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“

50 Er warf seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.

51 Jesus fragte ihn: „Was soll ich dir tun?“ Der Blinde antwortete: „Rabbi, ich möchte sehen können.“

52 Da sagte Jesus zu ihm: „Geh, dein Glaube hat dir geholfen.“ Im gleichen Augenblick konnte er sehen und folgte Jesus auf seinem Weg.

Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.

Auslegung · Der Ruf, der alles verändert

Markus erzählt diese Heilungsgeschichte mit meisterhafter Zärtlichkeit. Bartimäus – sein Name wird eigens genannt, was in den Evangelien selten ist. Gott kennt uns nicht als Nummer, er kennt unseren Namen. „Sohn des Timäus“ – ein Mensch mit Geschichte, mit Wunden, aber auch mit Sehnsucht.

Am Straßenrand sitzen: Das bedeutet, ausgeschlossen zu sein, auf Almosen angewiesen, ohne Würde in den Augen der Menge. Aber sobald Bartimäus hört: „Jesus von Nazaret ist da!“, erwacht in ihm eine unwiderstehliche Hoffnung. Er schreit – nicht diskret, nicht fromm geflüstert: „Sohn Davids, hab Erbarmen!“ Das ist ein messianischer Titel: Bartimäus erkennt in Jesus mehr als einen Wanderprediger. Er bekennt ihn als den verheißenen Retter.

Die Menge wird unruhig. Sie will Stille. „Halt den Mund!“ Kennen wir das? Viele Stimmen in uns und um uns sagen: „Du bist nicht wichtig genug.“ „Gott hat jetzt Wichtigeres zu tun.“ „Stell dich nicht so an.“ Aber Bartimäus lässt sich nicht einschüchtern – er schreit umso lauter. Genau das ist Gebet: nicht Verstummen, sondern Klagen, Flehen, Vertrauen, dass ER hört.

Dann der Wendepunkt: Jesus bleibt stehen. Ausgerechnet auf dem Weg nach Jerusalem, wo ihn die Passion erwartet. Er hält inne. Für einen Bettler. Für einen, der nichts geben kann außer seinem Schrei. Ist das nicht das Evangelium? Gottes Sohn hält an, wo die Welt weiterhetzt. Und er sagt: „Ruft ihn her!“ – Was für eine Gnade: Er wird nicht weggeschickt, er wird eingeladen.

Die Leute, die eben noch schweigen wollten, werden nun zu Boten der Ermutigung: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“ Welch eine Verwandlung! Bartimäus wirft seinen Mantel weg – sein Einziger Besitz, der ihn tagsüber wärmt und nachts als Decke dient. Er lässt alles zurück, rennt zu Jesus. Das ist Glaube: Loslassen, um zu Ihm zu kommen.

Jesus fragt ihn: „Was soll ich dir tun?“ – Eine Frage, die mich tief berührt. Jesus drängt nichts auf, er fragt nach unserer tiefsten Sehnsucht. Bartimäus bittet nicht um Geld, nicht um Ruhm. Sondern: „Rabbi, ich möchte sehen können.“ Sehen – das steht für Erkenntnis, für Licht im Dunkel, für Leben in Fülle. Jesus antwortet nicht mit einem Zauberwort, sondern mit einer Zusage: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Nicht der lauteste Schrei, sondern das Vertrauen, das sich ihm zuwendet, öffnet die Augen.

Und dann: Er folgte Jesus auf dem Weg. Nicht aus Dankbarkeit allein – sondern als Jünger. Bartimäus wird zum Nachfolger. Seine Dunkelheit verwandelt sich in Licht, und er geht den Weg mit Jesus – nach Jerusalem, ins Mysterium von Kreuz und Auferstehung.

Anwendung · Du bist gerufen – heute, hier

✙ „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“ ✙

Was bedeutet diese Geschichte für uns an einem ganz normalen Donnerstag, mitten im Berufs-, Familien- oder Alltagsleben?

Erstens: Erkenne deine Blindheit und deine Sehnsucht. Wir alle sitzen manchmal am Wegesrand – überfordert, enttäuscht, müde. Vielleicht sehen wir nicht mehr, wohin unser Leben steuert. Bartimäus lehrt uns, ehrlich zu uns selbst zu sein: „Ich möchte sehen können.“ Was ist deine tiefste Bitte heute? Um Frieden in der Familie? Um Orientierung im Job? Um Heilung einer alten Verletzung? Jesus fragt dich: Was soll ich dir tun? Wage es, ihm diese eine Sache zu nennen.

Zweitens: Lass dich nicht zum Schweigen bringen. Die Welt, manchmal auch die eigene innere Stimme, sagt: „Sei nicht so laut, glaub halt leise.“ Aber beten bedeutet, sich an Jesus zu wenden, selbst wenn andere das seltsam finden. Schreie deine Not nicht in die Leere – rufe den Namen Jesu an. „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich!“ – das ist das Jesusgebet, das die Herzen öffnet. Du musst keine perfekten Worte finden; dein ehrlicher Schrei ist Musik in Gottes Ohren.

Drittens: Wirf den Mantel weg. Was hält dich fest? Dein Stolz? Deine Ängste? Gewohnheiten, die dich vom Aufstehen abhalten? Bartimäus ließ das Einzige los, was er besaß – um zu Jesus zu kommen. Wir sind eingeladen, Ballast abzuwerfen: Groll, Selbstmitleid, Perfektionismus. Jesus wartet nicht auf deine Makellosigkeit, sondern auf dein Vertrauen.

Viertens: Du wirst zum Boten der Ermutigung. Genau wie die Leute, die Bartimäus plötzlich Mut zusprachen, sind auch wir gerufen, andere aufzurichten: „Steh auf, er ruft dich!“ Vielleicht kennst du jemanden, der am Rand sitzt – ein Wort der Hoffnung, ein Besuch, ein stilles Gebet kann Wunder wirken. Die Gemeinde Jesu wird dort lebendig, wo wir einander helfen, aufzustehen.

Fünftens: Sehen und Nachfolgen. Jesus heilt uns nicht für ein bequemes Leben, sondern für die Nachfolge. Klar sehen bedeutet, den Weg mit Christus zu gehen – auch wenn er durch schwere Täler führt. Aber wir gehen nicht allein. Bartimäus, der einst blind war, sieht nun die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu. Auch wir dürfen im Alltag Spuren seiner Liebe entdecken. Bitten wir um das Licht des Glaubens, um Jesus auf seinem Weg zu folgen – in den Dienst, in die Hingabe, in die österliche Freude.


Mitten in der Woche ruft dich der Herr beim Namen. Steh auf – er ist da.

Gebet · Vertrauen, das Augen öffnet

Guter Gott,
du hast Bartimäus nicht übergangen. Du hast seinen Schrei gehört und ihn beim Namen gerufen. Wir danken dir, dass du auch unsere Blindheit siehst und unsere Sehnsucht nach Licht.

Herr Jesus Christus, Sohn Davids, erbarme dich unser. Öffne unsere Augen für deine Gegenwart in den kleinen Dingen des Tages. Lass uns nicht resignieren, wenn uns viele Stimmen zum Schweigen bringen wollen. Gib uns den Mut, laut zu rufen – und die Demut, auf deine Frage zu antworten: „Herr, ich möchte sehen.“

Wir bitten dich für alle, die heute am Wegrand sitzen: die Kranken, die Einsamen, diejenigen, die nicht mehr weiterwissen. Schick Menschen, die zu ihnen sagen: „Hab Mut, steh auf, er ruft dich.“ Hilf uns, unsere Mäntel loszulassen – alles, was uns von dir trennt –, und freudig zu dir zu eilen.

Heile, was blind ist in unseren Beziehungen, in unserer Kirche, in unseren Herzen. Dass wir dir nachfolgen auf deinem Weg des Friedens, der Versöhnung und der Freude. Darum bitten wir dich, der du lebst und herrschest in Ewigkeit. Amen.

✙ Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr hebe sein Angesicht über dich und schenke dir Frieden. ✙

— Gehet hin in Frieden. Das Evangelium des Herrn —
Dank sei Gott, alleluja.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

✙ Wochentagsmesse · Donnerstag, 28. Mai 2026 · Nach Markus 10,46-52 ✙