Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
der Morgen graut über dem See von Tiberias. Die Luft ist noch kühl, das Wasser liegt bleiern da. Sieben Männer, müde und mit leeren Händen, sitzen im Boot. Es sind vertraute Gestalten: Petrus, Thomas, Nathanaël, die Söhne des Zebedäus und zwei weitere Jünger. Sie sind wieder dort, wo alles begann – am See, bei den Netzen. Und doch ist nichts mehr, wie es war. Der Auferstandene ist ihnen begegnet, aber der Alltag hat sie wieder. Die Nacht war lang, der Fang blieb aus. Eine Leere, die tiefer geht als der Magen. In diese Stille hinein spricht eine Stimme vom Ufer: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Es ist die Stimme dessen, der das Leben neu macht. Lauschen wir dieser Erzählung, die uns Johannes überliefert – ein Evangelium für unsere müden Herzen und für unseren Hunger nach dem Lebendigen.
1 Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern noch einmal, und zwar am See von Tiberias; er offenbarte sich in folgender Weise.
2 Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus, Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen.
3 Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. Aber in dieser Nacht fingen sie nichts.
4 Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer. Doch die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.
5 Jesus sagte zu ihnen: Kinder, habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworteten ihm: Nein.
6 Er aber sagte zu ihnen: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus und ihr werdet etwas finden. Sie warfen es aus und konnten es nicht mehr einholen, so voller Fische war es.
7 Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: Es ist der Herr!, gürtete er sich das Obergewand um, weil er nackt war, und sprang in den See.
8 Die anderen Jünger aber kamen mit dem Boot – sie waren nämlich nicht weit vom Land entfernt, nur etwa zweihundert Ellen – und zogen das Netz mit den Fischen hinter sich her.
9 Als sie an Land gingen, sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer und darauf Fisch und Brot liegen.
10 Jesus sagte zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!
11 Da stieg Simon Petrus ins Boot und zog das Netz an Land. Es war mit hundertdreiundfünfzig großen Fischen gefüllt, und obwohl es so viele waren, zerriss das Netz nicht.
12 Jesus sagte zu ihnen: Kommt und haltet Mahl! Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war.
13 Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen, ebenso den Fisch.
14 Dies war schon das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, seit er von den Toten auferstanden war.
Das Evangelium des heutigen Tages ist ein Bild der österlichen Wirklichkeit: Jesus, der Auferstandene, begegnet uns nicht im Tempel und nicht in himmlischer Entrückung, sondern am Arbeitsplatz, am See, im Scheitern. Die Jünger kehren nach den Ereignissen in Jerusalem zurück in ihre galliläische Heimat. Petrus, impulsiv wie eh und je, sagt: „Ich gehe fischen.“ Es ist der Rückgriff auf das Vertraute, als wollten sie die verwirrende Osterbotschaft erst einmal sacken lassen. Doch die Nacht bringt nichts ein – müde Hände, leere Netze.
Dann der Morgen. Eine Gestalt am Ufer, unerkannt. Jesus fragt nicht nach großen Taten, sondern nach dem Nötigsten: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Welch eine Zärtlichkeit in dieser Anrede! Der Auferstandene interessiert sich für den Hunger der Seinen. Und er gibt eine scheinbar naive Anweisung: „Werft das Netz auf der rechten Seite aus!“ Wer hätte gedacht, dass die rechte Seite einen Unterschied macht? Es ist das Wort des Herrn, das den Überfluss schenkt. 153 große Fische – die Zahl steht für die Fülle der Völker, für die ganze Schöpfung, die ins Netz der Kirche geholt wird. Und bemerkenswert: Das Netz zerreißt nicht. Die Gemeinschaft der Glaubenden ist stark genug für diese Fülle, weil der Herr selbst sie hält.
„Es ist der Herr!“ – Dieser Ausruf des Jüngers, den Jesus liebte, ist der Schlüssel. Er sieht mit den Augen des Herzens. Und Petrus? Er springt ins Wasser. Ungestüm, aber voller Sehnsucht. Er will als Erster beim Herrn sein. Das Kohlenfeuer am Ufer erinnert an jenes Feuer im Hof des Hohenpriesters, an dem Petrus seinen Herrn verleugnete. Nun ist es der Auferstandene selbst, der ein Feuer entfacht und ein Mahl bereitet. Kein Wort der Anklage, nur Einladung: „Kommt und haltet Mahl!“
Jesus nimmt das Brot und den Fisch und gibt es ihnen. Die Geste ist unverkennbar eucharistisch. Es ist derselbe Herr, der im Abendmahlssaal das Brot brach, der sich nun als der Lebendige erweist. Er isst nicht selbst – es heißt nicht, dass er aß –, aber er dient, er teilt aus. Er ist der Gastgeber des neuen Lebens. Diese Szene am See ist Urbild jeder Eucharistiefeier: Wir kommen mit unseren leeren Netzen, mit der Müdigkeit der Woche. Der Herr steht am Ufer unserer Zeit und fragt nach unserem Hunger. Sein Wort weist uns den Weg, und er selbst nährt uns mit dem Brot des Lebens.
Diese Erzählung ist kein fernes Idyll, sondern ein Spiegel unseres Glaubensalltags. Auch wir kennen Nächte, in denen wir uns abmühen und nichts fangen – Beziehungen, die leer laufen, Arbeit, die sinnlos erscheint, Gebete, die unerhört bleiben. Wir kehren zu unseren vertrauten „Netzen“ zurück, und doch bleibt das Gefühl: Es fehlt etwas. Der Auferstandene drängt sich nicht auf. Er steht am Ufer, unaufdringlich, und wartet. Seine erste Frage gilt nicht unserem Versagen, sondern unserem Mangel: „Habt ihr nichts zu essen?“ Er will uns satt machen, nicht bloß körperlich, sondern in der Tiefe der Seele.
Drei Impulse für unseren Weg in dieser Osterzeit:
1. Hinhören auf sein Wort im Alltag. Jesus sagt: „Werft das Netz auf der rechten Seite aus.“ Manchmal ist es nur eine kleine Veränderung der Blickrichtung – ein bewusster Schritt der Versöhnung, ein aufgeschobenes Gebet, ein ehrliches Gespräch –, die den Fang ermöglicht. Sein Wort will uns leiten, auch wenn es gegen alle menschliche Logik verstößt. Vertrauen wir darauf, dass er den Überfluss schenkt, wo wir nur Leere sehen.
2. Die Eucharistie als Mahl am Ufer. Jede heilige Messe ist eine Einladung an den Tisch des Auferstandenen. Wir bringen, was wir haben – unsere kleinen „Fische“, unsere Mühen und unsere Freude. Und er nimmt das Wenige, segnet es und macht es zur Speise, die ewiges Leben schenkt. Der Tisch des Herrn ist kein Ort der Perfektion, sondern der Begegnung mit dem, der unsere Netze füllt und unsere Schuld mit einem Kohlenfeuer der Barmherzigkeit umfängt.
3. Gemeinschaft, die nicht zerreißt. 153 Fische – die Kirche ist katholisch, allumfassend. Unterschiedliche Menschen, Sprachen, Kulturen – und doch ein Netz, das hält. Sind wir bereit, an diesem Netz mitzuziehen, einander zu stärken, niemanden auszugrenzen? Das Netz zerreißt nicht, weil Christus selbst die Einheit stiftet. In einer Zeit der Spaltungen ist dieses Bild ein Trost und Auftrag zugleich.
Jesus wartet nicht auf große Taten. Er wartet darauf, dass wir ihn erkennen – im Bruder, in der Schwester, im gebrochenen Brot. Vielleicht hören auch wir heute Morgen seine Stimme: „Kommt und haltet Mahl!“ Lassen wir uns ein auf dieses österliche Frühstück, das alle Müdigkeit wandelt.
Herr Jesus Christus, du Auferstandener,
du stehst am Ufer unseres Lebens und siehst unsere leeren Hände.
Du rufst uns beim Namen und fragst nach unserem Hunger.
Wir vertrauen auf dein Wort: Wirf das Netz aus, wage den neuen Wurf,
auch wenn die Nacht lang war und der Erfolg ausblieb.
Gib uns die Wachheit des Lieblingsjüngers, um dich zu erkennen,
und den Mut des Petrus, auf dich zuzugehen – trotz aller Schuld.
Nähre uns mit dem Brot des Lebens und dem Fisch deiner Gegenwart,
damit wir gestärkt Zeugen deiner Auferstehung werden.
Darum bitten wir dich, der du lebst und herrschest in alle Ewigkeit.
Amen.
Der Herr sei mit euch – an jedem Ufer eures Weges.
Er segne euer Tagewerk und fülle eure Netze mit dem, was ihr zum Leben braucht.
Er lasse euch sein Feuer der Liebe sehen und lade euch täglich ein an seinen Tisch.
So segne euch der allmächtige und barmherzige Gott,
der Vater und der Sohn ✠ und der Heilige Geist.
Amen.
Gehet hin in Frieden und bringt die Freude des Auferstandenen zu den Menschen.